Tod am Staffelberg

 

 

 

Donnerstag, der 21. September

 

Anna Bach fuhr den Staffelberg hinunter. Die Sonne würde erst in einer halben Stunde aufgehen, die Scheinwerfer ihres Wagens durchschnitten bleigraues Morgenlicht. Sie drückte das Gaspedal tief herunter, ungeachtet der Kurven, die vor ihr lagen. Sie kannte die Straße ganz genau, war diesen Abschnitt schon unzählige Male gefahren, stets viel zu schnell. Sie liebte das Risiko, das Gefühl, wenn man hart an der Grenze war. Sie brauchte diesen Rausch, der Endorphine freisetzte, er gab ihr Kraft für ihr Leben, in dem sie auch immer wieder Grenzen austestete.

 

Irgendwo in ihrem Unterbewusstsein regte sich eine warnende Stimme. Pass auf, Anna. Da war doch ... gestern ... Was war hier geschehen? Komisch, dass sie sich nicht daran erinnern konnte. Das Bild war zum Greifen nah, sie versuchte, es sich ins Gedächtnis zu rufen, aber sie scheiterte. Es spielte auch keine Rolle. Sie fühlte sich so leicht, so schwerelos, nichts hatte Bedeutung außer der Geschwindigkeit und der Kontrolle, die sie über ihren Alfa Romeo ausübte. Sie war Herrin der Lage, jeder- zeit, sie meisterte auch noch die größte Schwierigkeit.

 

Aber heute war es etwas ganz Besonderes. Dieses Gefühl! So einen Kick hatte ihr das Überschreiten des Tempolimits noch nie vermittelt. Sie lehnte sich in den Fahrersitz, die Hände locker um das Lenkrad gelegt, und hörte sich selbst zu, wie sie eine Melodie summte. Es ging ihr gut, besser als jemals zuvor! Sie konnte alles schaffen, was sie sich vor- nahm. Niemand würde sie stoppen, sie, Anna Bach!

 

Pass auf, Anna.

 

Sie ignorierte die Stimme in ihrem Kopf.

 

110 km/h zeigte der Tacho an. So schnell war sie nie zuvor in diese Kurve gefahren. Kein Problem! Heute hatte sie Superkräfte. Sie ballte eine Hand zur Faust, schlug aufs Lenkrad und lachte dabei. Sie war frei, freier als je zuvor in ihrem Leben! Sie war schwerelos, sie war unsterblich.

 

Ihr persönlicher Rekord war lag bei einer Fahrdauer von elf Minuten 7

 

von ihrem Haus in Ensheim bis zu ihrem Arbeitsplatz in St. Ingbert-Ost. Heute würde sie vielleicht nur zehn Minuten brauchen, für eine Strecke, auf der Normalsterbliche zwanzig Minuten unterwegs waren.

 

Normalsterbliche. Zu denen sie nicht gehörte.

 

Anna, pass auf!

 

Wieder lachte sie laut auf. Was für eine Stimmung! Sie hatte sich nie besser gefühlt. Sie und das Auto waren eins, es wäre ihr nicht einmal seltsam vorgekommen, wenn der Wagen die Bodenhaftung verloren und zu fliegen begonnen hätte.

 

Plötzlich setzte ihr Herzschlag einen Moment aus.

 

Schatten vor dem Wagen. Eine Frau und ein Kind! Viel zu nah! Viel zu schnell! Sie würde beide frontal erwischen. Keine Zeit, sie musste bremsen, schnell, sie musste ausweichen. Sie sah vor ihrem geistigen Auge, wie sie über die Motorhaube flogen, wie ihre Körper die Windschutzscheibe durchschlugen ...

 

In diesem Moment hatte Anna Bach ein Déjà-vu.

 

Das war gestern schon einmal geschehen. Die Geschwindigkeit, der Rausch, die beiden Menschen vor dem Auto. Sie hatte keine Zeit mehr, darüber nachzudenken, was sie gestern getan hatte. Sie riss das Steuer herum. Verzweifelt versuchte sie, die Kontrolle über ihr Auto zu behalten. Hier gab es keine Leitplanke. Der Wagen schlingerte, brach aus, rutschte von der Straße den Abhang hinunter. Annas Finger krallten sich um das Lenkrad, sie schrie in dem Moment, als ihr klar wurde, was geschehen würde.

 

Der Wagen stürzte den Abhang hinunter, und dahinter gab es nur noch ... Schwärze.

 



 

Am Abend vorher

 

Willst du auch mal fahren?“

 

Mariella hielt Thomas den Autoschlüssel hin. Das ließ er sich nicht zweimal sagen. Ihr schickes blaues Cabrio durch die Gegend zu kutschieren, darauf hatte er schon seit einiger Zeit Lust. Bei diesem herrlichen Frühherbstwetter machte es besonders viel Spaß, offen zu fahren. Und der Wagen war blitzsauber, man konnte sich im Lack spiegeln, so ganz anders als bei seinem Auto, das in der letzten Zeit nicht nur noch ein paar mehr Beulen dazu gewonnen hatte, sondern auch immer wieder Opfer von Taubenmistattacken wurde. Thomas verstand die Gründe dafür nicht. Anscheinend fand er beim Parken immer den optimalen Platz unter einem Vogelklo. Die Überlegung mochte paranoid klingen, aber das schien ausschließlich ihm und nie den anderen zu passieren.

 

Klar will ich fahren!“ Thomas nahm den Wagenschlüssel und schwang sich auf den Fahrersitz. „Machen wir uns sofort auf den Weg zu Renzo in sein neues Restaurant nach Gräfinthal?“

 

Nein, die Sonne scheint so schön, fahren wir doch ein bisschen über die Bellevue rüber nach Frankreich, über Spicheren, Alsting, Grosbliederstroff nach Sarreguemines. Und anschließend über Frauenberg zurück nach Deutschland. Durch Bliesmengen-Bolchen, dann sind wir schon gleich in Gräfinthal.“

 

Ach du meine Güte, das ist ja eine halbe Weltreise! Und das alles nur für ein einziges Abendessen?“

 

Mariella lächelte und blies sich ihre blauschwarz gefärbten Ponyfransen aus der Stirn. Unter dem T-Shirt trat das Schlüsselbein hervor. Sie aß einfach immer noch viel zu wenig, obwohl Thomas sich Mühe gab, sie dazu zu bringen.

 

Wir haben doch Zeit! Und ich brauche etwas Abwechslung von dem täglichen Stress in meinem Studio. Wenn ich mich entspannen und an nichts denken will, setze ich mich ganz oft in mein Cabrio, um einfach nur herumzufahren“, entgegnete sie. „Das hilft immer.“

 

Thomas fragte sich, ob das bei ihm auch helfen würde. Ausprobieren konnte er es ja mal. Er hatte in der letzten Zeit manches zum Grübeln gehabt. Sein Leben erinnerte ihn ein bisschen an sein Auto, so rundum bekleckert. Sein Chef, Hauptkommissar Peter Reinhard, hatte den Hahnenklamm-Fall quasi für sich beansprucht und sich damit bei der Presse profiliert. Thomas, der die Morde aufgeklärt hatte, wurde kaum erwähnt. Er hatte sich frei genommen, um alle seine Überstunden abzufeiern, und versuchte, die Dinge locker zu sehen. Aber wenn er mal wieder einen Bericht in der Zeitung las, kam ihm doch die Galle hoch.

 

Dass Herumfahren nicht zwangsläufig gegen Stress half, hatte er in den vergangenen Wochen bei seinen Begegnungen mit Federico Lombardo gesehen. Während des Hahnenklamm-Falls war er, um den Bauunternehmer zu verhören, immer wieder in Lombardos Lkw mit zu den Bau- stellen gefahren. Das waren alles andere als beschauliche Ausflüge gewesen. Seinen ersten freien Tag hatte Thomas, sozusagen als Wiedergutmachung, mit dem ehemaligen Verdächtigen verbracht. Schließlich hatte er bis fast zum Schluss geglaubt, Lombardo sei der Mörder. Federico war ihm sympathisch, und er sollte sehen, dass Thomas auch anders konnte, als ständig zu fragen: ‚Was hast du da gemacht?‘ oder ‚Wo waren Sie um diese Uhrzeit?‘

 

Thomas wäre jedoch nicht Thomas gewesen, wenn das Ganze nicht auch einen beruflichen Hintergrund gehabt hätte. Nach wie vor wollte er den Namen des Mannes wissen, dem Lombardo einen Gefallen getan hatte und um den er so ein Geheimnis machte. Doch erneut hatte er keinen Erfolg. Lombardo merkte natürlich sofort, worauf er hinauswollte, und war allen Versuchen, das Gespräch auf dieses Thema zu bringen, ausgewichen. Thomas war es nicht gelungen, auch nur eine Andeutung aus Lombardo herauszubringen. Von wegen, Entspannung durch He- rumfahren.

 

Thomas startete den Motor und fuhr los. Das machte tatsächlich Spaß, mit dem Cabrio durch die Gegend zu düsen und die bewundernden Blicke der anderen Verkehrsteilnehmer zu sehen. Thomasʼ eigenes Auto schauten die Leute eher mitleidig an, was sicher nicht nur an dem Taubenmist lag.

 

Um halb acht war die Weltreise schon wieder vorbei, und Thomas parkte vor Renzos neuem Restaurant. Sie setzten sich auf die Terrasse. Sein italienischer Freund kam noch vor der Bedienung heraus, um sie zu begrüßen. Küsschen rechts, Küsschen links, man konnte merken, dass er sie wirklich ins Herz geschlossen hatte.

 

Wie funktioniert eigentlich dein Restaurant in Dudweiler, so ohne dich?“, wollte Thomas neugierig wissen, nachdem Renzo sich zu ihnen gesetzt hatte. „Und der Pizza-Service?“

 

Och, das ist doch kein Problem. Im Restaurant arbeitet meine geschiedene Frau, im Heimservice ist meine Freundin und hier mache ich so lange, bis ich eine neue Freundin finde.“ Thomas konnte sich das Lachen nicht verkneifen, und Renzo strahlte. Das waren Dinge, die er nur mit seinem guten Freund besprach. „Heute Abend seid ihr beide übrigens meine Gäste.“

 

Nur kurze Zeit später kam schon das Essen, ohne dass sie etwas bestellt hatten, und sie verbrachten einen wunderschönen Abend. Anschließend fuhren sie, dieses Mal mit geschlossenem Verdeck, zu Mariellas Wohnung.

 

Thomas ließ sich auf die Couch plumpsen. Er war so voll gefressen, dass er sich als Kugel hätte durch die Gegend rollen können.

 

Zum Glück kann ich morgen ausschlafen!“, freute er sich. „Mindestens bis zehn Uhr!“

 

Mariella verzog das Gesicht.

 

Ja klar, du kannst ausschlafen. Wenn du dann wach bist, kannst du mir das Frühstück ins Geschäft runterbringen, dann hab‘ ich auch was davon.“ Sie legte ihm die Hand aufs Knie. „Und jetzt gehen wir schlafen?“

 

Thomas ächzte.„Lass‘ uns lieber noch ein bisschen fernsehen. Renzo hat mich mit seinen Köstlichkeiten einfach zu müde gefüttert.“ Mariella lachte.„Mir geht es auch nicht viel anders.“

 

Sie sahen fern und zappten durch die Programme, bis sie schließlich mit nach wie vor vollen Mägen ins Bett gingen. An etwas anderes als an Verdauen war heute Abend nicht mehr zu denken ...

 

Penetrantes Handyklingeln weckte Thomas auf. Es war früh am Morgen. So hatte er sich das mit dem Ausschlafen nicht vorgestellt. Er drückte die Annahmetaste: Miriam, seine Kollegin, war dran.

 

Ich geb‘ dir mal den Chef.“

 

Einen Augenblick später ertönte Reinhards Stimme: „Wieso gehst du eigentlich nicht an dein Handy, Herr Scherff? Wieder mal was Besseres zu tun? – Du musst hier erscheinen, ein Unfall ist passiert, eine Frau ist ums Leben gekommen.“

 

Thomas war auf Reinhard nach dem Hahnenklamm-Fall nicht besonders gut zu sprechen, und der frühe Weckruf hatte seine Laune nicht ver- bessert.

 

Was habe ich denn mit einem Unfall zu tun?“, fragte er. „Ich habe frei, ich feiere meine Überstunden ab, schon vergessen?“

 

Reinhard ließ sich nicht beirren.

 

Nur so ein Gefühl. Geh‘ und sieh dir die Sache an, dann kannst du danach deine Überstunden weiter abfeiern. – Hier, Miriam, erklär‘ ihm, wo der Unfall passiert ist.“

 

Einen Moment später war Thomasʼ Kollegin wieder in der Leitung. Sie gab ihm eine genaue Wegbeschreibung.

 

Es handelt sich um eine Fahrerin. Die Straße ist im Moment gesperrt, es wird wohl noch Stunden dauern, bis sie wieder freigegeben werden kann.“

 

Thomas schlug resigniert die Bettdecke zurück und schaute auf die Uhr: Gerade mal acht. Er hörte Mariella in der Küche herumwerkeln und ging hinüber.

 

Heute wirst du wohl ohne Frühstück auskommen müssen, ich bin zu einem Unfall gerufen worden. Da ist jemand verunglückt.“

 

Mariella sah ihn groß an: „Was hast du denn mit Unfalltoten zu tun?“

 

Thomas, der bis jetzt vermieden hatte, ihr seinen Beruf zu nennen, erklärte ihr das Ganze. Sie starrte ihn entsetzt an.

 

Was denn, echt jetzt? Du bist Kommissar und arbeitest gleich hier in der Nähe? Da, wo dein Wagen immer steht?“ Sie schnaubte. „Das kann doch nicht wahr sein. Ich habe immer versucht, mich von der Polizei fern zuhalten und war froh, wenn ich nichts mit denen zu tun hatte ... Und jetzt habe ich einen Freund, der Kommissar ist?“

 

Na und? Ändert das was zwischen uns?“ Er sah ihr direkt in die Augen. Als sie nicht sofort antwortete, nahm er seine Jacke. „Ich muss jetzt los.“

 

Wenige Augenblicke später saß er in seinem vollgemisteten und ver- beulten Auto, und der Alltag hatte ihn wieder.

 

Er nahm den Weg zur Autobahn Richtung Ensheim, am Flughafen vor- bei, Richtung St. Ingbert. Kurz vorm Staffelberg war die L108 bereits gesperrt. Er stellte sein Auto am Straßenrand ab und machte sich zu Fuß auf den Weg, den Staffelberg hinunter zum Unfallort.

 

In einer leichten Linkskurve war das Unfallfahrzeug geradeaus gefahren, ohne die Leitplanke, die dort begann, zu berühren. Das Auto lag etwa 100 Meter unterhalb in der Böschung auf dem Dach. Er sah sich die Spuren auf der Straße an, hier hatte der Fahrer offensichtlich eine Vollbremsung hingelegt, bevor das Auto den Abhang hinunterstürzte.

 

Thomas rekapitulierte seinen ersten Eindruck.

 

So was konnte passieren, wenn morgens früh im Dunkeln Tiere die Fahrbahn überquerten. Die Bremsspuren waren ziemlich lang, alles in allem wirkte das wie ein ganz normaler Unfall. Die Fahrerin musste noch aus dem Wagen herausgeschnitten werden, aber für ihn war die Sache erledigt.

 

Jemand winkte ihm zu. Er erkannte auch auf die Entfernung Polizeimeister Udo Frenzel. Thomas winkte zurück und ging zu ihm hinüber.

 

Thomas, was machst du denn hier?“, fragte der Kollege.

 

Thomas wollte ihm nicht sagen, dass ihn sein Chef herbeordert hatte.

 

Bin auf der Durchfahrt, da hab’ ich die Straßensperrung gesehen und dachte, hier muss was los sein.“

 

Ja, die Frau hat wohl die Kurve nicht gekriegt ... Buchstäblich. Und jetzt liegt sie da unten. Anhand der Spuren ist zu vermuten, dass sie schneller als 100 km/h gefahren ist. Da muss man sich auch nicht wundern.“ Er machte eine kleine Pause, dann fuhr er fort: „Sag‘ mal, würdest du mir einen Gefallen tun? Du kannst sowieso nicht weiter runter, hier ist bestimmt noch ein paar Stunden gesperrt. Bist du so nett und fährst zu ihrer Wohnung, um den Verwandten die Todesnachricht zu überbringen?“

 

Okay, kein Problem, ich mach‘ das für dich“, antwortete Thomas und nahm die Daten auf. Die Tote hieß Anna Bach, wohnte in Ensheim in der Franzstraße. Er machte sich auf den Weg zu seinem Auto, wendete auf der Landstraße und fuhr zurück. An der Adresse, die ihm Udo Frenzel gegeben hatte, parkte er vor dem Haus, stieg aus und sah sich die Umgebung und dann die Klingeln an. Ganz oben fand er den Namen: Anna Bach. Er klingelte, aber niemand öffnete ihm.

 

Neben der untersten Klingel stand ‚Hausmeister‘, also versuchte er es dort. Ein südländisch aussehender älterer Mann machte ihm die Tür auf und fragte mit starkem italienischem Akzent: „Ja? Was kann ich für Sie tun?“

 

Thomas stellte sich vor und zeigte seinen Ausweis.

 

Sie sind der Hausmeister?“, erkundigte er sich bei dem Mann.

 

Der nickte: „Mein Name ist Alfonso Roppa.“

 

Ich habe schlechte Nachrichten für die Familie von Anna Bach“, erklärte Thomas. „An wen kann ich mich wenden?“

 

Der Hausmeister sah ihn fragend an. „Frau Bach lebt hier alleine.“

 

Thomas erklärte: „Frau Bach hatte einen schweren Unfall. Sie ist tot.“

 

Ach du meine Güte.“ Roppa holte tief Luft, setzte sich auf die Treppe, und nach einer kurzen Weile fragte er: „Wer war denn an dem Unfall schuld?“

 

Das wissen wir noch gar nicht. Wir können im Moment nicht einmal sagen, ob ein weiteres Fahrzeug daran beteiligt war. Wir müssen erst den Bericht abwarten.“

 

Frau Bach hatte einen schweren rechten Fuß“, meinte der Hausmeister. „Sie selbst hat mir erzählt, dass sie immer ziemlich schnell fährt. Und dass sie von hier bis zu ihrem Arbeitsplatz in St. Ingbert-Ost nur elf Minuten braucht.“

 

Thomas runzelte die Stirn.

 

Donnerwetter. Das ist nur möglich, wenn man gar kein Limit einhält.“

 

Um diese Uhrzeit morgens sind die Straßen ja noch ziemlich frei“, meinte Roppa. „Und Blitzer gibtʼs da auch keine. Ich war auch schon mal dort, aber ich hab’ 25 Minuten gebraucht.“

 

Wann fuhr sie denn normalerweise morgens los?“, wollte Thomas wissen.

 

So gegen halb sechs, wie sie erzählt hat. Elf Minuten für den Weg. Dann ein Kaffee, ein kleines Frühstück. Um sechs Uhr begann sie mit der Arbeit. Alles genau programmiert.“

 

Herr Roppa, haben Sie einen Wohnungsschlüssel? Ich würde mich gerne in der Wohnung umsehen, ob es etwas gibt, was für unsere Ermittlungen vielleicht nützlich sein könnte.“

 

Ich habe einen Generalschlüssel für den Notfall, eingeschlossen in meinem Tresor. Ich hole ihn.“ Der Hausmeister verschwand in der Wohnung. Thomas hörte durch ein offenstehendes Fenster, dass er telefonierte, anscheinend mit der Firma, in der Anna Bach gearbeitet hatte. Er wollte sich vergewissern, ob sie wirklich nicht da war. Thomas mochte Menschen, die sich nicht auf den äußeren Anschein verließen, sondern die Dinge selbst in die Hand nahmen.

 

Roppa hatte offenbar die gewünschte Auskunft bekommen, denn er er- schien wieder in der Tür und schwenkte einen Schlüsselbund. Er ging vor Thomas her ins Dachgeschoss und schloss die Wohnung auf. Er trat hinter Thomas ein.

 

Denken Sie daran, nichts anzufassen, Herr Roppa, Sie wissen ja viel- leicht, dass wir alles für die Spurensicherung unberührt lassen müssen“, erinnerte ihn Thomas.

 

Er sah sich um. Eine Luxuswohnung, Fußbodenheizung, gehobene Ausstattung, innenliegende Dachterrasse mit Südwestausrichtung, wo niemand hineinsehen konnte.

 

Der Hausmeister hatte anscheinend seine Bewunderung bemerkt.

 

Schön, oder? Das ist die schönste Wohnung im ganzen Haus ... und die teuerste. Sie muss gut verdient haben, um sich das leisten zu können.“

 

Thomas war neugierig.

 

Was kostet denn hier die Miete?“

 

Roppa schüttelte den Kopf.

 

Sie zahlt keine Miete – das ist ihr Eigentum. Sie hat einen verantwortungsvollen Job.“

 

Dann musste Anna Bach in der Tat gut verdient haben.

 

Thomas sah sich alles in Ruhe an. Die Bücher in den Regalen standen alle fein säuberlich in einer Reihe, sie waren nach den Namen der Autoren geordnet, und ihm fiel auf, dass es ausschließlich Kriminalromane waren. Dann wurde er aufmerksam. Zwischen all den ordentlich aufgereihten Büchern steckte eins ohne Rückenbeschriftung, nur mit zwei Herzchen auf dem weißen Einband. Das war seltsam.

 

In diesem Moment klingelte Roppas Handy, und der Hausmeister ging sofort ins Treppenhaus, um das Gespräch zu führen.

 

Thomas zog das unbeschriftete Buch heraus und blätterte es auf. Es hatte viele, mit einer geübten Frauenhandschrift beschriebene Seiten. Das war ein Tagebuch.

 

In diesem Moment kam Alfonso Roppa wieder zurück. Nachdem Thomas ihm eben einen Vortrag gehalten hatte, dass er nichts anfassen sollte, stand er jetzt fein da, als Polizeibeamter Beweismittel zu berühren. Er konnte das Buch nicht mehr schnell genug zurück ins Regal stellen, des- halb drehte er sich um und steckte es sich kurzerhand unter die Jacke. Zu Alfonso sagte er: „Ich bin fertig, wir können gehen.“

 

Er zog den Reißverschluss ein bisschen höher, während sie durch das Treppenhaus nach unten stiegen.

 

Herr Roppa, hatte Anna Bach Feinde? Oder wissen Sie jemanden, der ihr schaden oder ihr etwas Böses wollte?“

 

Sie wohnte allein“, antwortete der Hausmeister. „Sie hatte nicht viel Besuch.“

 

Gibt es Verwandte?“

 

Ja, aber wo die wohnen, weiß ich nicht.“

 

Wer hat denn dieses Haus gebaut?“, wollte Thomas wissen. Der Hausmeister wollte antworten, doch sein Handy klingelte schon wieder. Thomas reichte ihm die Hand und stieg ins Auto. Alfonso betrachtete Thomasʼ vollgemisteten Wagen mit hochgezogenen Augenbrauen. Als der Mann außer Sichtweite war, holte Thomas das Tagebuch aus seiner Jacke und warf es hastig auf den Rücksitz. Nachher wollte er sich darum kümmern. Jetzt war erst mal ein Ausflug zur Waschanlage fällig, der Blick des Hausmeisters hatte ihm endgültig den Rest gegeben.

 

Der Waschgang brachte nicht das gewünschte Ergebnis. Thomas ging um das Auto herum und fluchte unterdrückt vor sich hin.

 

Taubenscheiße ist eben ziemlich hartnäckig!“, knurrte er. Beim nächsten Mal musste er eine Waschanlage mit manueller Vorwäsche suchen. Er drehte um und stellte sich mit seinem Auto noch einmal in die Einfahrtschlange.

 

Anschließend hatte er keine Lust mehr. Er wollte nur noch nach Hause. In Fechingen fuhr er auf die Autobahn und nahm die dritte Ausfahrt Richtung Universität. Seine Wohnung lag in der Liesbet-Dill-Straße, nahe der Pizzeria von Renzo.

 

Er legte das Tagebuch vorsichtig auf den Wohnzimmertisch, zog seine Jacke aus und rief zuerst Mariella an. Anschließend wählte er die Nummer vom Präsidium.

 

Hallo, Miriam? Ich bin gerade wieder nach Hause gekommen. Du, das mit Anna Bach ist kein Fall für die Kripo. Darum muss sich die Verkehrspolizei kümmern. Das ist ein waschechter Unfall.“

 

Er legte das Handy weg und ging unter die Dusche. Das hatte er sich nach dem heutigen Tag verdient.

 

Im Schlafzimmer hingen frische Socken, Hemd, Hose und Jacke sehr säuberlich an Bügeln über der Schranktür, so, als seien sie in einer Boutique zum Verkauf feilgeboten. Das verdankte er seiner Perle, der einmaligen Chiara Rosso, die seit einiger Zeit dafür sorgte, dass er nicht zwischen Staubflocken und toten Fliegen einher laufen und keine matschigen Chips mehr essen musste. Sie hatte Thomas auch beigebracht, seine dreckige Wäsche an die richtige Stelle zu legen. Wenn er das näm- lich tat, dann bekam er auch mit seiner Reinemachefrau keinen Ärger. Es hatte ein bisschen gedauert, bis er sich auf die Dressur eingestellt hatte, aber das Ergebnis war es allemal wert.

 

Frisch umgezogen schnappte er sich das Tagebuch, schmiss es ins Auto, fuhr nach Saarbrücken und ging durch die Altstadt. Am St. Johanner Markt setzte er sich vor ein Restaurant und bestellte sich ein Bier. Da sah er seinen Kollegen, Jürgen Habermann, der zu Beginn des Hahnen- klamm-Falls mit ihm zusammengearbeitet hatte, mit seiner Frau. Er winkte den beiden zu und sie kamen an seinen Tisch.

 

Hallo ihr zwei, habt ihr heute euren kinderfreien Tag?“, erkundigte er sich.

 

Die beiden lachten, und Jürgen nickte.

 

Heute ist die Babysitterin da, deshalb gehen wir mal ein bisschen bummeln. Und du, feierst du noch deine Überstunden ab?“

 

Ja, aber zwischendurch war ich heute schon wieder im Dienst.“

 

Thomas erzählte nichts von dem Unfall am Staffelberg. Das betraf ihn eh nicht. „Ich hoffe, dass wir bald wieder zusammenarbeiten.“

 

Bis dahin trinken wir einfach gemeinsam ein Bier.“ Jürgen und seine Frau setzten sich, und sie stießen miteinander an. Thomas hatte eigentlich nur darauf warten wollen, dass Mariella ihr Geschäft schloss und ihm Gesellschaft leistete, aber jetzt erschienen am laufenden Meter Bekannte, die sie begrüßten. So, wie das im Saarland eben war: Ständig kam jemand vorbei, der einen oder mehrere am Tisch kannte, man blieb stehen und quatschte oder setzte sich einfach dazu, und nach kurzer Zeit war der Tisch voll. Manchmal war das schön, aber an manchen Abenden hätte Thomas lieber seine Ruhe gehabt.

 

Das geht ja hier zu wie im Taubenschlag“, sagte Jürgen. Thomas stöhnte und winkte ab – von Tauben hatte er die Nase gestrichen voll.

 

Die Stimmung am Tisch war ausgelassen, als nach einer Stunde Mariella endlich auftauchte. Thomas holte ihr einen Stuhl und stellte sie vor, nicht nur mit der Absicht, Jürgen zu verunsichern, der seit Ewigkeiten darauf wartete, mal eine von Thomasʼ Freundinnen präsentiert zu bekommen. Thomas hatte bisher darum immer ein Geheimnis gemacht. Dementsprechend große Augen machte Jürgen jetzt auch. Thomas konnte die Zahnrädchen im Gehirn seines Kollegen förmlich arbeiten hören – was machte wohl den Unterschied zu den anderen Mädchen aus, dass Thomas Mariella am Tisch ganz unverhohlen präsentierte? Thomas war sich selbst nicht sicher.

 

Er genoss die Verwirrung eine Weile, dann sagte er: „So, wir machen uns jetzt auf den Weg.“ Er bezahlte die Rechnung. „Ich wünsche euch allen einen schönen Abend!“

 

Er drehte sich noch einmal um und sah die Runde diskutieren. Worum es ging, konnte er sich denken: ‚Schon wieder eine neue Freundin.‘ – ‚Mal sehen, wie lange er die hat.‘

 

Jetzt würden sie wetten. ‚Ich gebe ihnen eine Woche.‘ ‚Höchstens zwei... ‘ – ‚Nein, einen Monat.‘

 

Er kannte das aus dem Präsidium. Höher als einen Monat ging niemals jemand. Mehr traute ihm anscheinend keiner zu.

 

Lass’ uns ein bisschen raus aus der Altstadt gehen“, sagte Thomas zu Mariella. „Ich hab‘ heute Abend keine Lust auf einen weiteren Taubenschlag. Der hier hat mir schon völlig gereicht. Ich möchte lieber mit dir allein sein.“

 

Sie entdeckten eine Pizzeria, das Restaurant war neu und sah gemütlich aus. Mariella wollte hineingehen, draußen auf der Terrasse war es ihr inzwischen zu kühl. Als sie das Restaurant betraten, sahen sie, dass es komplett voll war.

 

Heute haben wir irgendwie kein Glück“, seufzte Thomas.

 

Die Besitzerin hatte sie unentschlossen im Gastraum stehen sehen und kam zu ihnen.

 

Guten Abend! Ich hätte noch zwei Plätze für Sie, aber die sind in einem separaten Raum, da wären Sie ganz allein ...“

 

Das ist genau das, was wir wollen“, lachte Thomas. Die Chefin selbst begleitete sie an den Tisch. Thomas sah sich auf dem Weg durch das Lokal um: Gott sei Dank, keine weiteren Bekannte. Der ungestörte Abend war ihnen sicher! Sie genossen das Menü vom Aperitif bis zum Dessert in aller Ruhe. Als sie die letzten Gäste im Lokal waren, kam der Koch zu ihnen an den Tisch: „Ich bin Peppe, mir gehört das Restaurant und ich sorge hier für das Essen. Hat es Ihnen denn geschmeckt?“

 

Es war hervorragend.“

 

Peppe ging zur Theke und kam mit einer Flasche Grappa und drei Gläsern wieder zurück.

 

Wie ist es, trinken Sie ein Gläschen mit mir?“

 

Da sagen wir nicht Nein!“, grinste Thomas. Peppe goss ihnen ein und sie leerten die Gläser.

 

Ich fühle mich fast so wohl wie bei Renzo“, meinte Mariella, als Peppe gegangen war. Thomas lachte und fügte an: „Mit einem kleinen Unter- schied, denn hier bekommen wir die Rechnung!“

 

Beim Hinausgehen reservierte Thomas für den Freitagabend zwei Plätze. 20

 

Ach, wollen wir Freitag wieder hierher?“, erkundigte sich Mariella.

 

Nein, das ist beruflich“, antwortete Thomas. „Ich muss sozusagen meine Schulden bezahlen. Ich habe meinem Kollegen Ferdinand Meyer von der Spurensicherung ein Essen versprochen, weil er mir beim letzten Fall so geholfen hat.“

 

Alles klar, dann habe ich mal einen freien Abend.“ Mariella lachte. „Du willst doch jetzt nicht noch dein Auto holen? Wir können bis zur Kaiserstraße zu Fuß gehen.“

 

Ja, aber ich hole mir noch meine Jacke aus dem Auto, es ist inzwischen richtig kalt geworden.“

 

Der Wagen stand eine Straße weiter. Thomas öffnete die Fahrertür und sah auf dem Beifahrersitz das Tagebuch von Anna Bach liegen. Er hatte es völlig vergessen gehabt.

 

Was ist das denn für ein Buch?“ Mariellas Neugier war geweckt.

 

Ach, nichts Besonderes.“ Thomas nahm seine Jacke aus dem Wagen und schloss ab. Das Tagebuch ließ er liegen, er wollte Mariellas Fragen nicht beantworten müssen.

 

Gegen Mitternacht wurden sie von Feuerwehrsirenen wach. Thomas stand auf und ging ans Fenster: Ganz in der Nähe sah er Feuerschein.

 

Da brennt ein Haus“, sagte er zu Mariella. „Ich geh‘ mal runter und sehe nach.“

 

Er zog sich an. Auf der Straße standen viele Schaulustige, einige sogar im Schlafanzug. Es sah fast so aus, als würden sie auf einen Karnevalsumzug warten. Mit Lautsprechern wurden die Anwohner aufgefordert, die Fenster wegen der Rauchentwicklung geschlossen zu halten. Thomas wusste, dass die Nacht vorbei war, also ging er zu seinem Auto und holte das Tagebuch. Zurück in der Wohnung schloss er die Fenster.

 

Mariella hatte sich in eine Decke gewickelt und auf die Couch gelegt, sie sah Thomas fragend an.

 

Schon wieder so ein Buch. Was ist das jetzt für eins? Ich hab‘ dich gar nicht so eingeschätzt, dass du Bücher liest!“

 

Ich bin auch normalerweise keine Leseratte. Dazu komme ich eh meistens nicht.“ Thomas setzte sich an den Tisch. „Das hier ist aber was anderes. Kein Krimi und auch kein Roman.“ Er schlug das Buch auf und begann zu lesen. Auf der ersten Seite stand das Datum. Der 8. April.

 

Heute werde ich acht Jahre alt und habe beschlossen, aufzuschreiben, was passiert. Ich heiße Anna Bach.‘

 

Dann musste sie 57 Jahre alt gewesen sein, als sie starb.

 

Zwanzig Jahre älter als ich, dachte er. ‚Trotzdem viel zu jung zum Sterben.‘

 

Für heute reichte es ihm. Er klappte das Buch zu, legte es auf die Couch und ging ins Bett.

 

 

110 km/h zeigte der Tacho an. So schnell war sie nie zuvor in diese Kurve gefahren. Kein Problem! Heute hatte sie Superkräfte. Sie ballte eine Hand zur Faust, schlug aufs Lenkrad und lachte dabei. Sie war frei, freier als je zuvor in ihrem Leben! Sie war schwerelos, sie war unsterblich.

 

Ihr persönlicher Rekord war lag bei einer Fahrdauer von elf Minuten 7

 

von ihrem Haus in Ensheim bis zu ihrem Arbeitsplatz in St. Ingbert-Ost. Heute würde sie vielleicht nur zehn Minuten brauchen, für eine Strecke, auf der Normalsterbliche zwanzig Minuten unterwegs waren.

 

Normalsterbliche. Zu denen sie nicht gehörte.

 

Anna, pass auf!

 

Wieder lachte sie laut auf. Was für eine Stimmung! Sie hatte sich nie besser gefühlt. Sie und das Auto waren eins, es wäre ihr nicht einmal seltsam vorgekommen, wenn der Wagen die Bodenhaftung verloren und zu fliegen begonnen hätte.

 

Plötzlich setzte ihr Herzschlag einen Moment aus.

 

Schatten vor dem Wagen. Eine Frau und ein Kind! Viel zu nah! Viel zu schnell! Sie würde beide frontal erwischen. Keine Zeit, sie musste bremsen, schnell, sie musste ausweichen. Sie sah vor ihrem geistigen Auge, wie sie über die Motorhaube flogen, wie ihre Körper die Windschutzscheibe durchschlugen ...

 

In diesem Moment hatte Anna Bach ein Déjà-vu.

 

Das war gestern schon einmal geschehen. Die Geschwindigkeit, der Rausch, die beiden Menschen vor dem Auto. Sie hatte keine Zeit mehr, darüber nachzudenken, was sie gestern getan hatte. Sie riss das Steuer herum. Verzweifelt versuchte sie, die Kontrolle über ihr Auto zu behalten. Hier gab es keine Leitplanke. Der Wagen schlingerte, brach aus, rutschte von der Straße den Abhang hinunter. Annas Finger krallten sich um das Lenkrad, sie schrie in dem Moment, als ihr klar wurde, was geschehen würde.

 

Der Wagen stürzte den Abhang hinunter, und dahinter gab es nur noch ... Schwärze.

 


 

Am Abend vorher

 

Willst du auch mal fahren?“

 

Mariella hielt Thomas den Autoschlüssel hin. Das ließ er sich nicht zweimal sagen. Ihr schickes blaues Cabrio durch die Gegend zu kutschieren, darauf hatte er schon seit einiger Zeit Lust. Bei diesem herrlichen Frühherbstwetter machte es besonders viel Spaß, offen zu fahren. Und der Wagen war blitzsauber, man konnte sich im Lack spiegeln, so ganz anders als bei seinem Auto, das in der letzten Zeit nicht nur noch ein paar mehr Beulen dazu gewonnen hatte, sondern auch immer wieder Opfer von Taubenmistattacken wurde. Thomas verstand die Gründe dafür nicht. Anscheinend fand er beim Parken immer den optimalen Platz unter einem Vogelklo. Die Überlegung mochte paranoid klingen, aber das schien ausschließlich ihm und nie den anderen zu passieren.

 

Klar will ich fahren!“ Thomas nahm den Wagenschlüssel und schwang sich auf den Fahrersitz. „Machen wir uns sofort auf den Weg zu Renzo in sein neues Restaurant nach Gräfinthal?“

 

Nein, die Sonne scheint so schön, fahren wir doch ein bisschen über die Bellevue rüber nach Frankreich, über Spicheren, Alsting, Grosbliederstroff nach Sarreguemines. Und anschließend über Frauenberg zurück nach Deutschland. Durch Bliesmengen-Bolchen, dann sind wir schon gleich in Gräfinthal.“

 

Ach du meine Güte, das ist ja eine halbe Weltreise! Und das alles nur für ein einziges Abendessen?“

 

Mariella lächelte und blies sich ihre blauschwarz gefärbten Ponyfransen aus der Stirn. Unter dem T-Shirt trat das Schlüsselbein hervor. Sie aß einfach immer noch viel zu wenig, obwohl Thomas sich Mühe gab, sie dazu zu bringen.

 

Wir haben doch Zeit! Und ich brauche etwas Abwechslung von dem täglichen Stress in meinem Studio. Wenn ich mich entspannen und an nichts denken will, setze ich mich ganz oft in mein Cabrio, um einfach nur herumzufahren“, entgegnete sie. „Das hilft immer.“

 

Thomas fragte sich, ob das bei ihm auch helfen würde. Ausprobieren konnte er es ja mal. Er hatte in der letzten Zeit manches zum Grübeln gehabt. Sein Leben erinnerte ihn ein bisschen an sein Auto, so rundum bekleckert. Sein Chef, Hauptkommissar Peter Reinhard, hatte den Hahnenklamm-Fall quasi für sich beansprucht und sich damit bei der Presse profiliert. Thomas, der die Morde aufgeklärt hatte, wurde kaum erwähnt. Er hatte sich frei genommen, um alle seine Überstunden abzufeiern, und versuchte, die Dinge locker zu sehen. Aber wenn er mal wieder einen Bericht in der Zeitung las, kam ihm doch die Galle hoch.

 

Dass Herumfahren nicht zwangsläufig gegen Stress half, hatte er in den vergangenen Wochen bei seinen Begegnungen mit Federico Lombardo gesehen. Während des Hahnenklamm-Falls war er, um den Bauunternehmer zu verhören, immer wieder in Lombardos Lkw mit zu den Bau- stellen gefahren. Das waren alles andere als beschauliche Ausflüge gewesen. Seinen ersten freien Tag hatte Thomas, sozusagen als Wiedergutmachung, mit dem ehemaligen Verdächtigen verbracht. Schließlich hatte er bis fast zum Schluss geglaubt, Lombardo sei der Mörder. Federico war ihm sympathisch, und er sollte sehen, dass Thomas auch anders konnte, als ständig zu fragen: ‚Was hast du da gemacht?‘ oder ‚Wo waren Sie um diese Uhrzeit?‘

 

Thomas wäre jedoch nicht Thomas gewesen, wenn das Ganze nicht auch einen beruflichen Hintergrund gehabt hätte. Nach wie vor wollte er den Namen des Mannes wissen, dem Lombardo einen Gefallen getan hatte und um den er so ein Geheimnis machte. Doch erneut hatte er keinen Erfolg. Lombardo merkte natürlich sofort, worauf er hinauswollte, und war allen Versuchen, das Gespräch auf dieses Thema zu bringen, ausgewichen. Thomas war es nicht gelungen, auch nur eine Andeutung aus Lombardo herauszubringen. Von wegen, Entspannung durch He- rumfahren.

 

Thomas startete den Motor und fuhr los. Das machte tatsächlich Spaß, mit dem Cabrio durch die Gegend zu düsen und die bewundernden Blicke der anderen Verkehrsteilnehmer zu sehen. Thomasʼ eigenes Auto schauten die Leute eher mitleidig an, was sicher nicht nur an dem Taubenmist lag.

 

Um halb acht war die Weltreise schon wieder vorbei, und Thomas parkte vor Renzos neuem Restaurant. Sie setzten sich auf die Terrasse. Sein italienischer Freund kam noch vor der Bedienung heraus, um sie zu begrüßen. Küsschen rechts, Küsschen links, man konnte merken, dass er sie wirklich ins Herz geschlossen hatte.

 

Wie funktioniert eigentlich dein Restaurant in Dudweiler, so ohne dich?“, wollte Thomas neugierig wissen, nachdem Renzo sich zu ihnen gesetzt hatte. „Und der Pizza-Service?“

 

Och, das ist doch kein Problem. Im Restaurant arbeitet meine geschiedene Frau, im Heimservice ist meine Freundin und hier mache ich so lange, bis ich eine neue Freundin finde.“ Thomas konnte sich das Lachen nicht verkneifen, und Renzo strahlte. Das waren Dinge, die er nur mit seinem guten Freund besprach. „Heute Abend seid ihr beide übrigens meine Gäste.“

 

Nur kurze Zeit später kam schon das Essen, ohne dass sie etwas bestellt hatten, und sie verbrachten einen wunderschönen Abend. Anschließend fuhren sie, dieses Mal mit geschlossenem Verdeck, zu Mariellas Wohnung.

 

Thomas ließ sich auf die Couch plumpsen. Er war so voll gefressen, dass er sich als Kugel hätte durch die Gegend rollen können.

 

Zum Glück kann ich morgen ausschlafen!“, freute er sich. „Mindestens bis zehn Uhr!“

 

Mariella verzog das Gesicht.

 

Ja klar, du kannst ausschlafen. Wenn du dann wach bist, kannst du mir das Frühstück ins Geschäft runterbringen, dann hab‘ ich auch was davon.“ Sie legte ihm die Hand aufs Knie. „Und jetzt gehen wir schlafen?“

 

Thomas ächzte.„Lass‘ uns lieber noch ein bisschen fernsehen. Renzo hat mich mit seinen Köstlichkeiten einfach zu müde gefüttert.“ Mariella lachte.„Mir geht es auch nicht viel anders.“

 

Sie sahen fern und zappten durch die Programme, bis sie schließlich mit nach wie vor vollen Mägen ins Bett gingen. An etwas anderes als an Verdauen war heute Abend nicht mehr zu denken ...

 

Penetrantes Handyklingeln weckte Thomas auf. Es war früh am Morgen. So hatte er sich das mit dem Ausschlafen nicht vorgestellt. Er drückte die Annahmetaste: Miriam, seine Kollegin, war dran.

 

Ich geb‘ dir mal den Chef.“

 

Einen Augenblick später ertönte Reinhards Stimme: „Wieso gehst du eigentlich nicht an dein Handy, Herr Scherff? Wieder mal was Besseres zu tun? – Du musst hier erscheinen, ein Unfall ist passiert, eine Frau ist ums Leben gekommen.“

 

Thomas war auf Reinhard nach dem Hahnenklamm-Fall nicht besonders gut zu sprechen, und der frühe Weckruf hatte seine Laune nicht ver- bessert.

 

Was habe ich denn mit einem Unfall zu tun?“, fragte er. „Ich habe frei, ich feiere meine Überstunden ab, schon vergessen?“

 

Reinhard ließ sich nicht beirren.

 

Nur so ein Gefühl. Geh‘ und sieh dir die Sache an, dann kannst du danach deine Überstunden weiter abfeiern. – Hier, Miriam, erklär‘ ihm, wo der Unfall passiert ist.“

 

Einen Moment später war Thomasʼ Kollegin wieder in der Leitung. Sie gab ihm eine genaue Wegbeschreibung.

 

Es handelt sich um eine Fahrerin. Die Straße ist im Moment gesperrt, es wird wohl noch Stunden dauern, bis sie wieder freigegeben werden kann.“

 

Thomas schlug resigniert die Bettdecke zurück und schaute auf die Uhr: Gerade mal acht. Er hörte Mariella in der Küche herumwerkeln und ging hinüber.

 

Heute wirst du wohl ohne Frühstück auskommen müssen, ich bin zu einem Unfall gerufen worden. Da ist jemand verunglückt.“

 

Mariella sah ihn groß an: „Was hast du denn mit Unfalltoten zu tun?“

 

Thomas, der bis jetzt vermieden hatte, ihr seinen Beruf zu nennen, erklärte ihr das Ganze. Sie starrte ihn entsetzt an.

 

Was denn, echt jetzt? Du bist Kommissar und arbeitest gleich hier in der Nähe? Da, wo dein Wagen immer steht?“ Sie schnaubte. „Das kann doch nicht wahr sein. Ich habe immer versucht, mich von der Polizei fern zuhalten und war froh, wenn ich nichts mit denen zu tun hatte ... Und jetzt habe ich einen Freund, der Kommissar ist?“

 

Na und? Ändert das was zwischen uns?“ Er sah ihr direkt in die Augen. Als sie nicht sofort antwortete, nahm er seine Jacke. „Ich muss jetzt los.“

 

Wenige Augenblicke später saß er in seinem vollgemisteten und ver- beulten Auto, und der Alltag hatte ihn wieder.

 

Er nahm den Weg zur Autobahn Richtung Ensheim, am Flughafen vor- bei, Richtung St. Ingbert. Kurz vorm Staffelberg war die L108 bereits gesperrt. Er stellte sein Auto am Straßenrand ab und machte sich zu Fuß auf den Weg, den Staffelberg hinunter zum Unfallort.

 

In einer leichten Linkskurve war das Unfallfahrzeug geradeaus gefahren, ohne die Leitplanke, die dort begann, zu berühren. Das Auto lag etwa 100 Meter unterhalb in der Böschung auf dem Dach. Er sah sich die Spuren auf der Straße an, hier hatte der Fahrer offensichtlich eine Vollbremsung hingelegt, bevor das Auto den Abhang hinunterstürzte.

 

Thomas rekapitulierte seinen ersten Eindruck.

 

So was konnte passieren, wenn morgens früh im Dunkeln Tiere die Fahrbahn überquerten. Die Bremsspuren waren ziemlich lang, alles in allem wirkte das wie ein ganz normaler Unfall. Die Fahrerin musste noch aus dem Wagen herausgeschnitten werden, aber für ihn war die Sache erledigt.

 

Jemand winkte ihm zu. Er erkannte auch auf die Entfernung Polizeimeister Udo Frenzel. Thomas winkte zurück und ging zu ihm hinüber.

 

Thomas, was machst du denn hier?“, fragte der Kollege.

 

Thomas wollte ihm nicht sagen, dass ihn sein Chef herbeordert hatte.

 

Bin auf der Durchfahrt, da hab’ ich die Straßensperrung gesehen und dachte, hier muss was los sein.“

 

Ja, die Frau hat wohl die Kurve nicht gekriegt ... Buchstäblich. Und jetzt liegt sie da unten. Anhand der Spuren ist zu vermuten, dass sie schneller als 100 km/h gefahren ist. Da muss man sich auch nicht wundern.“ Er machte eine kleine Pause, dann fuhr er fort: „Sag‘ mal, würdest du mir einen Gefallen tun? Du kannst sowieso nicht weiter runter, hier ist bestimmt noch ein paar Stunden gesperrt. Bist du so nett und fährst zu ihrer Wohnung, um den Verwandten die Todesnachricht zu überbringen?“

 

Okay, kein Problem, ich mach‘ das für dich“, antwortete Thomas und nahm die Daten auf. Die Tote hieß Anna Bach, wohnte in Ensheim in der Franzstraße. Er machte sich auf den Weg zu seinem Auto, wendete auf der Landstraße und fuhr zurück. An der Adresse, die ihm Udo Frenzel gegeben hatte, parkte er vor dem Haus, stieg aus und sah sich die Umgebung und dann die Klingeln an. Ganz oben fand er den Namen: Anna Bach. Er klingelte, aber niemand öffnete ihm.

 

Neben der untersten Klingel stand ‚Hausmeister‘, also versuchte er es dort. Ein südländisch aussehender älterer Mann machte ihm die Tür auf und fragte mit starkem italienischem Akzent: „Ja? Was kann ich für Sie tun?“

 

Thomas stellte sich vor und zeigte seinen Ausweis.

 

Sie sind der Hausmeister?“, erkundigte er sich bei dem Mann.

 

Der nickte: „Mein Name ist Alfonso Roppa.“

 

Ich habe schlechte Nachrichten für die Familie von Anna Bach“, erklärte Thomas. „An wen kann ich mich wenden?“

 

Der Hausmeister sah ihn fragend an. „Frau Bach lebt hier alleine.“

 

Thomas erklärte: „Frau Bach hatte einen schweren Unfall. Sie ist tot.“

 

Ach du meine Güte.“ Roppa holte tief Luft, setzte sich auf die Treppe, und nach einer kurzen Weile fragte er: „Wer war denn an dem Unfall schuld?“

 

Das wissen wir noch gar nicht. Wir können im Moment nicht einmal sagen, ob ein weiteres Fahrzeug daran beteiligt war. Wir müssen erst den Bericht abwarten.“

 

Frau Bach hatte einen schweren rechten Fuß“, meinte der Hausmeister. „Sie selbst hat mir erzählt, dass sie immer ziemlich schnell fährt. Und dass sie von hier bis zu ihrem Arbeitsplatz in St. Ingbert-Ost nur elf Minuten braucht.“

 

Thomas runzelte die Stirn.

 

Donnerwetter. Das ist nur möglich, wenn man gar kein Limit einhält.“

 

Um diese Uhrzeit morgens sind die Straßen ja noch ziemlich frei“, meinte Roppa. „Und Blitzer gibtʼs da auch keine. Ich war auch schon mal dort, aber ich hab’ 25 Minuten gebraucht.“

 

Wann fuhr sie denn normalerweise morgens los?“, wollte Thomas wissen.

 

So gegen halb sechs, wie sie erzählt hat. Elf Minuten für den Weg. Dann ein Kaffee, ein kleines Frühstück. Um sechs Uhr begann sie mit der Arbeit. Alles genau programmiert.“

 

Herr Roppa, haben Sie einen Wohnungsschlüssel? Ich würde mich gerne in der Wohnung umsehen, ob es etwas gibt, was für unsere Ermittlungen vielleicht nützlich sein könnte.“

 

Ich habe einen Generalschlüssel für den Notfall, eingeschlossen in meinem Tresor. Ich hole ihn.“ Der Hausmeister verschwand in der Wohnung. Thomas hörte durch ein offenstehendes Fenster, dass er telefonierte, anscheinend mit der Firma, in der Anna Bach gearbeitet hatte. Er wollte sich vergewissern, ob sie wirklich nicht da war. Thomas mochte Menschen, die sich nicht auf den äußeren Anschein verließen, sondern die Dinge selbst in die Hand nahmen.

 

Roppa hatte offenbar die gewünschte Auskunft bekommen, denn er er- schien wieder in der Tür und schwenkte einen Schlüsselbund. Er ging vor Thomas her ins Dachgeschoss und schloss die Wohnung auf. Er trat hinter Thomas ein.

 

Denken Sie daran, nichts anzufassen, Herr Roppa, Sie wissen ja viel- leicht, dass wir alles für die Spurensicherung unberührt lassen müssen“, erinnerte ihn Thomas.

 

Er sah sich um. Eine Luxuswohnung, Fußbodenheizung, gehobene Ausstattung, innenliegende Dachterrasse mit Südwestausrichtung, wo niemand hineinsehen konnte.

 

Der Hausmeister hatte anscheinend seine Bewunderung bemerkt.

 

Schön, oder? Das ist die schönste Wohnung im ganzen Haus ... und die teuerste. Sie muss gut verdient haben, um sich das leisten zu können.“

 

Thomas war neugierig.

 

Was kostet denn hier die Miete?“

 

Roppa schüttelte den Kopf.

 

Sie zahlt keine Miete – das ist ihr Eigentum. Sie hat einen verantwortungsvollen Job.“

 

Dann musste Anna Bach in der Tat gut verdient haben.

 

Thomas sah sich alles in Ruhe an. Die Bücher in den Regalen standen alle fein säuberlich in einer Reihe, sie waren nach den Namen der Autoren geordnet, und ihm fiel auf, dass es ausschließlich Kriminalromane waren. Dann wurde er aufmerksam. Zwischen all den ordentlich aufgereihten Büchern steckte eins ohne Rückenbeschriftung, nur mit zwei Herzchen auf dem weißen Einband. Das war seltsam.

 

In diesem Moment klingelte Roppas Handy, und der Hausmeister ging sofort ins Treppenhaus, um das Gespräch zu führen.

 

Thomas zog das unbeschriftete Buch heraus und blätterte es auf. Es hatte viele, mit einer geübten Frauenhandschrift beschriebene Seiten. Das war ein Tagebuch.

 

In diesem Moment kam Alfonso Roppa wieder zurück. Nachdem Thomas ihm eben einen Vortrag gehalten hatte, dass er nichts anfassen sollte, stand er jetzt fein da, als Polizeibeamter Beweismittel zu berühren. Er konnte das Buch nicht mehr schnell genug zurück ins Regal stellen, des- halb drehte er sich um und steckte es sich kurzerhand unter die Jacke. Zu Alfonso sagte er: „Ich bin fertig, wir können gehen.“

 

Er zog den Reißverschluss ein bisschen höher, während sie durch das Treppenhaus nach unten stiegen.

 

Herr Roppa, hatte Anna Bach Feinde? Oder wissen Sie jemanden, der ihr schaden oder ihr etwas Böses wollte?“

 

Sie wohnte allein“, antwortete der Hausmeister. „Sie hatte nicht viel Besuch.“

 

Gibt es Verwandte?“

 

Ja, aber wo die wohnen, weiß ich nicht.“

 

Wer hat denn dieses Haus gebaut?“, wollte Thomas wissen. Der Hausmeister wollte antworten, doch sein Handy klingelte schon wieder. Thomas reichte ihm die Hand und stieg ins Auto. Alfonso betrachtete Thomasʼ vollgemisteten Wagen mit hochgezogenen Augenbrauen. Als der Mann außer Sichtweite war, holte Thomas das Tagebuch aus seiner Jacke und warf es hastig auf den Rücksitz. Nachher wollte er sich darum kümmern. Jetzt war erst mal ein Ausflug zur Waschanlage fällig, der Blick des Hausmeisters hatte ihm endgültig den Rest gegeben.

 

Der Waschgang brachte nicht das gewünschte Ergebnis. Thomas ging um das Auto herum und fluchte unterdrückt vor sich hin.

 

Taubenscheiße ist eben ziemlich hartnäckig!“, knurrte er. Beim nächsten Mal musste er eine Waschanlage mit manueller Vorwäsche suchen. Er drehte um und stellte sich mit seinem Auto noch einmal in die Einfahrtschlange.

 

Anschließend hatte er keine Lust mehr. Er wollte nur noch nach Hause. In Fechingen fuhr er auf die Autobahn und nahm die dritte Ausfahrt Richtung Universität. Seine Wohnung lag in der Liesbet-Dill-Straße, nahe der Pizzeria von Renzo.

 

Er legte das Tagebuch vorsichtig auf den Wohnzimmertisch, zog seine Jacke aus und rief zuerst Mariella an. Anschließend wählte er die Nummer vom Präsidium.

 

Hallo, Miriam? Ich bin gerade wieder nach Hause gekommen. Du, das mit Anna Bach ist kein Fall für die Kripo. Darum muss sich die Verkehrspolizei kümmern. Das ist ein waschechter Unfall.“

 

Er legte das Handy weg und ging unter die Dusche. Das hatte er sich nach dem heutigen Tag verdient.

 

Im Schlafzimmer hingen frische Socken, Hemd, Hose und Jacke sehr säuberlich an Bügeln über der Schranktür, so, als seien sie in einer Boutique zum Verkauf feilgeboten. Das verdankte er seiner Perle, der einmaligen Chiara Rosso, die seit einiger Zeit dafür sorgte, dass er nicht zwischen Staubflocken und toten Fliegen einher laufen und keine matschigen Chips mehr essen musste. Sie hatte Thomas auch beigebracht, seine dreckige Wäsche an die richtige Stelle zu legen. Wenn er das näm- lich tat, dann bekam er auch mit seiner Reinemachefrau keinen Ärger. Es hatte ein bisschen gedauert, bis er sich auf die Dressur eingestellt hatte, aber das Ergebnis war es allemal wert.

 

Frisch umgezogen schnappte er sich das Tagebuch, schmiss es ins Auto, fuhr nach Saarbrücken und ging durch die Altstadt. Am St. Johanner Markt setzte er sich vor ein Restaurant und bestellte sich ein Bier. Da sah er seinen Kollegen, Jürgen Habermann, der zu Beginn des Hahnen- klamm-Falls mit ihm zusammengearbeitet hatte, mit seiner Frau. Er winkte den beiden zu und sie kamen an seinen Tisch.

 

Hallo ihr zwei, habt ihr heute euren kinderfreien Tag?“, erkundigte er sich.

 

Die beiden lachten, und Jürgen nickte.

 

Heute ist die Babysitterin da, deshalb gehen wir mal ein bisschen bummeln. Und du, feierst du noch deine Überstunden ab?“

 

Ja, aber zwischendurch war ich heute schon wieder im Dienst.“

 

Thomas erzählte nichts von dem Unfall am Staffelberg. Das betraf ihn eh nicht. „Ich hoffe, dass wir bald wieder zusammenarbeiten.“

 

Bis dahin trinken wir einfach gemeinsam ein Bier.“ Jürgen und seine Frau setzten sich, und sie stießen miteinander an. Thomas hatte eigentlich nur darauf warten wollen, dass Mariella ihr Geschäft schloss und ihm Gesellschaft leistete, aber jetzt erschienen am laufenden Meter Bekannte, die sie begrüßten. So, wie das im Saarland eben war: Ständig kam jemand vorbei, der einen oder mehrere am Tisch kannte, man blieb stehen und quatschte oder setzte sich einfach dazu, und nach kurzer Zeit war der Tisch voll. Manchmal war das schön, aber an manchen Abenden hätte Thomas lieber seine Ruhe gehabt.

 

Das geht ja hier zu wie im Taubenschlag“, sagte Jürgen. Thomas stöhnte und winkte ab – von Tauben hatte er die Nase gestrichen voll.

 

Die Stimmung am Tisch war ausgelassen, als nach einer Stunde Mariella endlich auftauchte. Thomas holte ihr einen Stuhl und stellte sie vor, nicht nur mit der Absicht, Jürgen zu verunsichern, der seit Ewigkeiten darauf wartete, mal eine von Thomasʼ Freundinnen präsentiert zu bekommen. Thomas hatte bisher darum immer ein Geheimnis gemacht. Dementsprechend große Augen machte Jürgen jetzt auch. Thomas konnte die Zahnrädchen im Gehirn seines Kollegen förmlich arbeiten hören – was machte wohl den Unterschied zu den anderen Mädchen aus, dass Thomas Mariella am Tisch ganz unverhohlen präsentierte? Thomas war sich selbst nicht sicher.

 

Er genoss die Verwirrung eine Weile, dann sagte er: „So, wir machen uns jetzt auf den Weg.“ Er bezahlte die Rechnung. „Ich wünsche euch allen einen schönen Abend!“

 

Er drehte sich noch einmal um und sah die Runde diskutieren. Worum es ging, konnte er sich denken: ‚Schon wieder eine neue Freundin.‘ – ‚Mal sehen, wie lange er die hat.‘

 

Jetzt würden sie wetten. ‚Ich gebe ihnen eine Woche.‘ ‚Höchstens zwei... ‘ – ‚Nein, einen Monat.‘

 

Er kannte das aus dem Präsidium. Höher als einen Monat ging niemals jemand. Mehr traute ihm anscheinend keiner zu.

 

Lass’ uns ein bisschen raus aus der Altstadt gehen“, sagte Thomas zu Mariella. „Ich hab‘ heute Abend keine Lust auf einen weiteren Taubenschlag. Der hier hat mir schon völlig gereicht. Ich möchte lieber mit dir allein sein.“

 

Sie entdeckten eine Pizzeria, das Restaurant war neu und sah gemütlich aus. Mariella wollte hineingehen, draußen auf der Terrasse war es ihr inzwischen zu kühl. Als sie das Restaurant betraten, sahen sie, dass es komplett voll war.

 

Heute haben wir irgendwie kein Glück“, seufzte Thomas.

 

Die Besitzerin hatte sie unentschlossen im Gastraum stehen sehen und kam zu ihnen.

 

Guten Abend! Ich hätte noch zwei Plätze für Sie, aber die sind in einem separaten Raum, da wären Sie ganz allein ...“

 

Das ist genau das, was wir wollen“, lachte Thomas. Die Chefin selbst begleitete sie an den Tisch. Thomas sah sich auf dem Weg durch das Lokal um: Gott sei Dank, keine weiteren Bekannte. Der ungestörte Abend war ihnen sicher! Sie genossen das Menü vom Aperitif bis zum Dessert in aller Ruhe. Als sie die letzten Gäste im Lokal waren, kam der Koch zu ihnen an den Tisch: „Ich bin Peppe, mir gehört das Restaurant und ich sorge hier für das Essen. Hat es Ihnen denn geschmeckt?“

 

Es war hervorragend.“

 

Peppe ging zur Theke und kam mit einer Flasche Grappa und drei Gläsern wieder zurück.

 

Wie ist es, trinken Sie ein Gläschen mit mir?“

 

Da sagen wir nicht Nein!“, grinste Thomas. Peppe goss ihnen ein und sie leerten die Gläser.

 

Ich fühle mich fast so wohl wie bei Renzo“, meinte Mariella, als Peppe gegangen war. Thomas lachte und fügte an: „Mit einem kleinen Unter- schied, denn hier bekommen wir die Rechnung!“

 

Beim Hinausgehen reservierte Thomas für den Freitagabend zwei Plätze. 20

 

Ach, wollen wir Freitag wieder hierher?“, erkundigte sich Mariella.

 

Nein, das ist beruflich“, antwortete Thomas. „Ich muss sozusagen meine Schulden bezahlen. Ich habe meinem Kollegen Ferdinand Meyer von der Spurensicherung ein Essen versprochen, weil er mir beim letzten Fall so geholfen hat.“

 

Alles klar, dann habe ich mal einen freien Abend.“ Mariella lachte. „Du willst doch jetzt nicht noch dein Auto holen? Wir können bis zur Kaiserstraße zu Fuß gehen.“

 

Ja, aber ich hole mir noch meine Jacke aus dem Auto, es ist inzwischen richtig kalt geworden.“

 

Der Wagen stand eine Straße weiter. Thomas öffnete die Fahrertür und sah auf dem Beifahrersitz das Tagebuch von Anna Bach liegen. Er hatte es völlig vergessen gehabt.

 

Was ist das denn für ein Buch?“ Mariellas Neugier war geweckt.

 

Ach, nichts Besonderes.“ Thomas nahm seine Jacke aus dem Wagen und schloss ab. Das Tagebuch ließ er liegen, er wollte Mariellas Fragen nicht beantworten müssen.

 

Gegen Mitternacht wurden sie von Feuerwehrsirenen wach. Thomas stand auf und ging ans Fenster: Ganz in der Nähe sah er Feuerschein.

 

Da brennt ein Haus“, sagte er zu Mariella. „Ich geh‘ mal runter und sehe nach.“

 

Er zog sich an. Auf der Straße standen viele Schaulustige, einige sogar im Schlafanzug. Es sah fast so aus, als würden sie auf einen Karnevalsumzug warten. Mit Lautsprechern wurden die Anwohner aufgefordert, die Fenster wegen der Rauchentwicklung geschlossen zu halten. Thomas wusste, dass die Nacht vorbei war, also ging er zu seinem Auto und holte das Tagebuch. Zurück in der Wohnung schloss er die Fenster.

 

Mariella hatte sich in eine Decke gewickelt und auf die Couch gelegt, sie sah Thomas fragend an.

 

Schon wieder so ein Buch. Was ist das jetzt für eins? Ich hab‘ dich gar nicht so eingeschätzt, dass du Bücher liest!“

 

Ich bin auch normalerweise keine Leseratte. Dazu komme ich eh meistens nicht.“ Thomas setzte sich an den Tisch. „Das hier ist aber was anderes. Kein Krimi und auch kein Roman.“ Er schlug das Buch auf und begann zu lesen. Auf der ersten Seite stand das Datum. Der 8. April.

 

Heute werde ich acht Jahre alt und habe beschlossen, aufzuschreiben, was passiert. Ich heiße Anna Bach.‘

 

Dann musste sie 57 Jahre alt gewesen sein, als sie starb.

 

Zwanzig Jahre älter als ich, dachte er. ‚Trotzdem viel zu jung zum Sterben.‘

 

Für heute reichte es ihm. Er klappte das Buch zu, legte es auf die Couch und ging ins Bett.

 

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