Haus der Zuflucht

 

Francesco Sanzo

 Haus der Zuflucht

 Roman

 

Prolog

Vitaro war ein fröhlicher Mann. Wenn er am Morgen zur Arbeit aufbrach, pfiff er sein Lied, obwohl die Arbeit, die ihn erwartete, schwer war und die Bezahlung kümmerlich. Er liebte sein Leben, liebte den beschaulichen Küstenort San Pietro auf Sizilien, wo er zu Hause war, und seinen Freund Torillo, den er allmorgendlich zur Arbeit abholte. An diesem Morgen im Herbst des Jahres 1943 war er ein wenig spät dran. Sie würden die Beine in die Hand nehmen müssen, wenn sie es noch rechtzeitig schaffen wollten. Vitaro und Torillo arbeiteten im Hafen, wo sie für die Deutschen Schiffe entluden, und die Deutschen verstanden in Sachen Pünktlichkeit keinen Spaß.

 

Zeit für sein Lied nahm Vitaro sich trotzdem. Wenn er sein Lied pfiff, kam er schneller voran, und der schwere Tag, der vor ihm lag, erschien ihm leicht. Als er jedoch in Torillos Straße einbog, verstummte sein Pfeifen abrupt. Vor der Tür des ein wenig windschiefen Hauses, wo der Freund seit Jahr und Tag jeden Morgen auf ihn gewartet hatte, stand heute kein Mensch. Vitaro fuhr ein Schrecken in die Glieder. Etwas in seiner kleinen, geordneten Welt war plötzlich nicht mehr, wie es immer gewesen war.

 

Jetzt spiel nicht verrückt, minchione, schalt er sich selbst. Der gute Torillo wird eben mit seiner properen Marianna eine muntere Nacht gehabt und ein paar Minuten verschlafen haben, oder Marianna hat auf dem Markt gestern ein paar Gramm echten Kaffee ergattert, und über solcher Köstlichkeit hat er die Zeit vergessen.

 

Vitaros Schrecken aber wich nicht, und sein Herz schlug wie eine Trommel, denn er wusste, dass er sich selbst betrog. Torillo war pünktlicher als eine Uhr, ja sogar pünktlicher als ein Deutscher, er vergaß die Zeit über gar nichts. „Torillo!“, rief Vitaro, während er auf das Haus des Freundes zueilte, doch aus dem Gebäude kam keine Antwort. Wie in San Pietro üblich stand die Haustür nur angelehnt, und Torillo hätte sein Rufen hören müssen. Statt der fröhlichen Bassstimme seines Gefährten vernahm Vitaro jedoch lediglich das klägliche Wimmern eines Kindes. Das musste Gasparo sein. Torillos kleiner Junge. Sein Gejammer klang zum Gotterbarmen.

 

Vitaro zitterte die Hand, als er nach der Klinke der Haustür fasste, aber er war ein beherzter Mann, und gewiss keiner, der einem Freund, der in Not war, nicht zu Hilfe kam. Torillo war mehr als ein Freund. Er war Vitaro wie ein leiblicher Bruder, und dass dieser Bruder in Not war, ahnte er, noch ehe er das Haus betrat. Auf das, was ihn dort allerdings erwartete, hätte keine Ahnung ihn vorbereiten können. Der Anblick brannte sich ihm in die Augen, ins Hirn und ins Herz, und er wusste im selben Moment, dass er niemals mehr imstande sein würde, ihn daraus zu löschen. Über die hölzernen Dielen des Vorzimmers verteilt lagen drei Tote in ihrem Blut: Sein Freund Torillo, dessen Frau, die propere Marianna, und Giulia mit den Sternenaugen, die Tochter der beiden, die erst zehn Jahre alt war.

 

Vitaro erlaubte sich weder Trauer noch Entsetzen. In seinen Ohren gellte das Wimmern des kleinen Jungen und mit all seinen Kräften konzentrierte er sich auf den einen Gedanken: Gasparo war noch im Haus, Gasparo war noch am Leben. Er musste ihn finden. Durch alle Zimmer rannte er dem Geräusch nach, das mit jedem Aufweinen schwächer wurde. Er fand umgeworfene Truhen, aufgerissene Spinde, die kärgliche Habe der Familie über den Boden verstreut, in Fetzen und Scherben. Erst in der Küche aber entdeckte er wie erlöst, wonach er so verzweifelt gesucht hatte: Das Bettchen mit dem Säugling, das die Verbrecher offenbar übersehen hatten.

 

Behutsam hob er das nur noch schwach weinende Kind, den Sohn, auf den sein Freund so stolz gewesen war, aus den Kissen, und presste den warmen, lebendigen Leib an seine Brust. Du bist der letzte, beschwor er stumm den Kleinen und sich selbst. Du bist alles, was übrig ist. Ein paar tiefe Atemzüge gönnte er sich, um sich zu beruhigen. Dann rannte er mit Gasparo in den Armen die Straße hinunter zur Polizeiwache.

 

Eine Stunde später stand so gut wie der ganze Ort um das Haus von Torillo und seiner Familie versammelt. Beflissen machte sich Amilcare, der dottore, daran, die Totenscheine auszustellen, während zwei Carabinieri – Beamte der Gendarmerie -, ohne sonderlichen Eifer das Haus nach Spuren durchsuchten. Als Amilcare samt seiner ausgebeulten, ledernen Arzttasche wieder aus dem Haus kam, stürzten sich die Bewohner San Pietros mit ihren Fragen regelrecht auf ihn, und Amilcare sonnte sich in seiner Wichtigkeit.

 

Diese Verbrecher waren nicht nur Barbaren“, verkündete er mit Grabesstimme. „Untiere waren es, wahre Untiere. Der armen bambina ist Gewalt angetan worden, ehe sie wie ein Stück Vieh abgeschlachtet wurde, und la bella Marianna erging es nicht besser.“

 

Das Getuschel der Leute verstummte. Es war, als hätte selbst denen, die ewig plapperten und zu allem etwas zu sagen hatten, das Grauen die Sprache verschlagen. Vielleicht fürchteten sie aber auch nur, die Carabinieri, die jetzt ebenfalls aus dem Haus kamen und in zwei Körben Torillos zerschmetterte, in Fetzen gerissene Besitztümer davontrugen, könnten ihnen Fragen stellen. Mit der Polizei oder gar der Gendarmerie hatte keiner in San Pietro gern zu tun. Die Leute, die hier lebten, waren Arbeiter, Fischer und Bauern. Die meisten von ihnen hatten weder lesen noch schreiben gelernt, und wäre auf einen von ihnen ein Verdacht gefallen, hätte er kaum gewusst, wie er sich dagegen zur Wehr setzen sollte.

 

Die Untersuchung der Mordfälle wurden kurz darauf eingestellt. Der Besitzer des Hauses putzte fluchend das Blut von den Dielen, um es erneut zur Miete anzubieten, und damit schienen Vitaros Freund Torillo und seine Familie vergessen. Es war Krieg. Die Leute hatten andere Sorgen. Vitaro aber nahm aus dem tönernen Tiegel, der ganz oben auf seinem Küchenregal stand, die wenigen Münzen, die er dort für sein Alter gespart hatte, und zog los, um der Familie Amazzapane ein christliches Begräbnis zu bezahlen. Torillos Verwandte hatten Italien schon vor längerer Zeit verlassen, waren nach Amerika oder Argentinien emigriert, und niemand kannte ihre Adressen.

 

Um die drei Toten im colombario, der Friedhofsmauer für Urnen, beisetzen zu lassen, wie es in San Pietro üblich war, reichte Vitaros Geld nicht, also musste eine Bestattung in der Erde genügen. Immerhin ließ er jedoch drei Holzkreuze fertigen und darin ihre Namen einprägen: Torillo Amazzapane, Marianna Amazzapane und Giulia Amazzapane, jeder geboren in einem anderen Jahr, doch gestorben am selben Tag.

 

Auf der Straße

 

Gern hätte Vitaro den Sohn seines Freundes in sein Haus aufgenommen, doch er hatte für seine eigenen Kinder zu sorgen, und die Zeiten waren schlecht. Er nahm ihn wohl für eine Weile zu sich, und auch andere barmherzige Seelen unter den Dorfbewohnern steckten dem Waisenjungen Essbares und das eine oder andere abgetragene Kleidungsstück zu, doch sobald er das Alter erreicht hatte, in dem andere Kinder die Schule besuchten, blieb dem kleinen Gasparo nur die Straße als Heim.

 

Hier und dort, so wusste er, konnte er für eine Nacht Unterschlupf und eine warme Mahlzeit finden, und er war ein kluger kleiner Bursche, der in jedem Haus etwas fand, das sich zu lernen lohnte. Mit derselben Klugheit spürte er jedoch, dass er nirgendwo mehr als ein unerwünschter Gast, ein zusätzlicher Esser war. Die Hänseleien der Kinder , die ihn timprino, die lästige Klette, riefen, verletzten ihn, und so zog er es vor, für sich selbst zu sorgen, so weit das einem Jungen von erst sieben Jahren möglich war. Während die Gleichaltrigen zur Schule gingen oder ihren Vätern beim Fischen halfen, zog er mit seiner Tasche aus verschlissenem Leinen durch die Straßen und suchte nach Essbarem.

 

Von seinen Eltern wusste er nichts, nur dass er sich in mancher Nacht nach ihnen sehnte, ohne ihre Gesichter oder auch nur ihre Stimmen zu kennen. Auch von sich selbst wusste er nicht viel mehr, als dass er den Namen Gasparo trug und dass ihm ein Weg bestimmt war, der ins Nirgendwo führte.

 

Es gab andere Jungen auf der Straße, ältere, die keine Arbeit fanden oder nach keiner suchten und sich stattdessen aufs Stehlen verlegten. Moretti, Mohren, wurden sie gerufen, weil ihre Gesichter meist so schwarz waren wie ihre Gesichter und ihre Kleidung kaum weniger verdreckt. Ich will sauber bleiben, sagte sich Gasparo, noch ehe er recht wusste, was er damit meinte. Er wiederholte es sich jeden Abend, ehe er in einem Hauseingang oder in einem Unterstand für Tiere in Schlaf fiel: Ich will sauber bleiben. Etwas in ihm war überzeugt, dies seinen Eltern schuldig zu sein.

 

Also wusch er sich das Haar und die zerschlissenen Kleider, die man ihm überlassen hatte, im Fluss, und lebte lieber tagelang von ein paar Händen voll Brombeeren, die er sich an Sträuchern vor den Toren des Ortes pflückte, als auch nur einem Fischer eine Sardelle zu stehlen. Da aber bereits die Zeit nahte, da an den Sträuchern nichts mehr wachsen würde und mildtätige Menschen ihr bisschen Brot zusammenhalten mussten, beschloss er, sein Heimatdorf zu verlassen und sich auf dem Land, bei einem der Bauern in der Umgegend, Arbeit zu suchen.

 

Atempause als Vogelscheuche

 

Gasparo lief in der noch immer sengenden Hitze, bis ihn die Kräfte verließen. Auf den Feldern, an denen er vorbeikam, stand der Mais hoch, und die Reben des Weines hingen voller praller Trauben. Die Versuchung, eine Handvoll davon abzupflücken und in den Mund zu stopfen, war schier übermächtig, aber Gasparo war noch immer der kluge Junge, der um jeden Preis sauber bleiben wollte, und er wusste: Ertappte ihn ein Bauer dabei, wie er von dessen Früchten stahl, konnte er seinen Plan, bei ihm um Arbeit nachzusuchen, vergessen.

 

. Schlimmer als der Hunger war der Durst. Als endlich in noch gut einer halben Meile Entfernung ein Bauernhaus in Sicht kam, klebte Gasparo die Zunge am Gaumen und er war zu schwach, um länger aufrecht zu gehen. Der Bauer, der in einem Pferch, bei seinem Vieh, beschäftigt gewesen war, sah ihn kommen und lief ihm mit erhobenem Rechen entgegen. Als er jedoch erkannte, dass es sich bei dem Ankömmling lediglich um ein völlig entkräftetes Kind handelte, ließ er den Rechen sinken.

 

Ja, was für ein Würmchen haben wir denn da?“ rief er aus und blickte verwundert auf Gasparo nieder. „ Aus der Gegend bist du jedenfalls nicht, hier kennt jeder jeden. Wie bist du überhaupt hierhergekommen?“

 

Auf meinen Füßen“, gab Gasparo zur Antwort.

 

Na na. Nicht so frech“, warnte ihn der Bauer.

 

Ich bin nicht frech“, verteidigte sich Gasparo. „Ich habe Euch nur eine Antwort auf Eure Frage gegeben.“

 

So so“, brummte der Bauer. „Ich verstehe. Ein ganzer Schlaumeier bist du, was?“

 

Gasparo, dem die Kräfte schwanden, senkte den Blick zu Boden.

 

Aus San Pietro?“

 

Der Junge nickte.

 

Wie wär’s denn dann mit der Schule? Aus einem hellen Köpfchen wie dir könnte da doch glatt was werden.“

 

Ich wär’ gern hingegangen“, murmelte Gasparo so leise, dass er sich selbst kaum verstand. „Aber ich hab kein Haus und nichts zu essen, ich muss vor dem Winter Arbeit finden.“

 

So so“, brummte der Bauer noch einmal. „Und was sagen deine Eltern dazu?“

 

Ich hab keine.“ Vor Durst krächzte Gasparo die Stimme. Am Zaun des Pferchs, wo der Bauer gearbeitet hatte, sah er einen Eimer stehen, wie er verwendet wurde, um Wasser zu den Viehtränken zu tragen. Allein von dem Anblick wurde ihm schwindlig. „Dürfte ich wohl einen Schluck aus eurem Eimer trinken, Herr Bauer?“

 

Aus dem Eimer für die Schafe? Ja, wenn du meinst – ich werd’ der letzte sein, der einem Menschenkind einen Mundvoll Wasser verwehrt.“

 

Er hatte noch nicht ausgesprochen, da lief Gasparo schon los. Stolpernd fiel er vor dem Eimer auf die Knie und schlug eilig das Kreuz, wie er es in Vitaros Haus vor jeder Mahlzeit gelernt hatte. Dann senkte er das Gesicht in das erfrischende Nass, verlor jede Beherrschung und trank in gierigen Zügen.

 

Als er endlich schweratmend aus dem Eimer auftauchte, stand der Bauer hinter ihm. „Hör mal, lombrichetto, kleiner Wurm, meine Frau und ich sind arme Leute, und wir haben sieben Kinder. Ab Januar gibt es für uns nichts mehr zu tun, und ein Helfer ist das letzte, was wir brauchen können. Wenn du uns aber bis dahin zur Hand gehen willst, kannst du im Trockenen schlafen und bekommst deinen Teller auf den Tisch. Wo sieben Kinder satt werden, wird auch ein achtes nicht verhungern.“

 

Gasparo konnte sich nicht erinnern, jemals so glücklich gewesen zu sein. In dem kleinen Haus gab es für ihn keinen Platz, doch der Bauer trug ihm eine mit Maisblättern gefüllte Matratze in den Verschlag, auf der er sich fühlte wie ein Prinz und vom Duft der Blätter eingehüllt in sanften Schlaf fiel. In der Frühe weckte die Bäuerin ihn wie ihre eigenen Kinder, stellte ihnen allen dampfende Schüsseln mit Grütze hin und zog ihnen sodann grobe Säcke mit Schlitzen für die Köpfe über, um die Kleider bei der Feldarbeit zu schonen. Wie spaventapasseri, Vogelscheuchen, sahen sie aus, wenn die Frau sie schließlich hinausscheuchte und noch einmal warnte, sich vor Schlangen und Skorpione in Acht zu nehmen, damit sie ihnen nicht in ihre bloßen Füße zwickten.

 

Das kleine Heer der Vogelscheuchen trieb die Spatzen von den reifen Kolben fort, sodass der Bauer seine Ernte ungemindert einfahren konnte. Aus dem Maismehl briet die Bäuerin polenta in Scheiben, die Gasparo köstlich schmeckte. In seinem Bauch breitete sich ein Gefühl von wohliger Fülle aus, und er schlief tief und traumlos die Nacht hindurch, ohne dass Hunger ihn weckte. Lesen und Schreiben lernte er nicht, denn niemand auf dem Hof verstand sich darauf, doch was die Notwendigkeiten der Landwirtschaft betraf, eignete er sich an, was immer er konnte. Er tat seine Arbeit mit allem Eifer, und hätte jemand ihn gefragt, was er mit seinem Leben anfangen wollte, so hätte er ihm zur Antwort geben können, dass er gerne für immer Vogelscheuche bleiben wollte.

 

Die drei Monate, die der Bauer ihm Arbeit und Obdach zugesagt hatte, vergingen im Flug. Je näher das Ende des Jahres rückte und je drohender der Januar sich dahinter erhob, desto mehr wuchs die Furcht in Gasparo und ballte sich in seiner Kehle zum Klumpen. Zuweilen regte sich wohl auch eine winzige Spur Hoffnung, die Bauernfamilie hätte ihn lieb genug gewonnen, um ihn bei sich zu behalten, auch wenn es keine Arbeit mehr für ihn gab. Als jedoch das alte Jahr vorüber war und das neue begann, ging der Bauer mit ihm zurück an den Feldweg, wo er ihn im Herbst gefunden hatte, um sich von ihm zu verabschieden.

 

Eine Abmachung ist eine Abmachung“, sagte er zu Gasparo. „Das tut weh, aber es ist eine nützliche Lektion, und den Winter über reicht das Essen oft nicht einmal für uns. Mach es gut, lombrichetto. Am besten gehst du zurück nach San Pietro und bittest dort den Pfaffen um Hilfe. Zu irgendwas muss das fromme Volk schließlich gut sein.“

 

Damit drehte er sich um und ging über den Hof zurück zu seinem Haus. Gasparo fand sich dort wieder, wo er hergekommen war. Auf der Straße. Allein.

 

 

 

 


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